Expressionismus

Etwa ab Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkrieges herrschte in der Malerei und Grafik die Kunstrichtung des Expressionismus vor. Abgeleitet vom lateinischen „expressio“, was „Ausdruck“ bedeutet, betrachtete sich diese Stilrichtung als „Kunst des gesteigerten Ausdrucks“. Statt lediglich auf eine oberflächliche Darstellung der Wirklichkeit abzuzielen, wollten ihre Vertreter eigene innere Gefühle auf die Leinwand bringen und damit auch den Betrachter ihrer Werke emotional ansprechen. Dabei entwickelte sich der Expressionismus aus dem vorhergehenden Impressionismus, dem auch seine Vorreiter Vincent van Gogh, Paul Gaugin und Edvard Munch entstammten.
Zu den wichtigsten expressionistischen Künstlern zählen neben Henri Matisse und Emil Nolde auch Franz Marc, August Macke und Ernst Ludwig Kirchner, welche alle sehr emotional und spontan ans Werk gingen, meist auf kräftige Farben setzten und keinen Wert darauf legten, die Wirklichkeit 1:1 abzubilden.

Den historischen Hintergrund bei der Entstehung des Expressionismus stellte die Industrialisierung dar, aufgrund derer die Menschen zu Tausenden ihr bäuerliches und handwerkliches Leben hinter sich ließen, um in den großen Fabriken der Städte zu arbeiten. Diese Entwicklung war nicht nur mit einer Entwurzelung der Menschen, sondern auch mit zahlreichen sozialen Missständen sowie einer zunehmenden Kluft zwischen Arm und Reich verbunden. Zugleich herrschte der Wilhelminismus, der auf Ordnung und Zucht sowie Kolonialismus setzte. Zusätzlich entwickelte sich in der Bevölkerung eine zunehmende Kriegsangst.
Die Expressionisten wollen mit ihrer Kunst gegen die in ihren Augen verlogene bürgerliche Moral und die teils unmenschlichen Lebensbedingungen der Arbeiter und sozial Schwachen protestieren.

Eine der wichtigsten Künstlervereinigungen des Expressionismus entstand im Jahre 1905 in Dresden, als einige Architekturstudenten – darunter Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl – „Die Brücke“ gründeten, welcher später auch für kurze Zeit Emil Nolde angehörte. Diese Künstlergruppe orientierte sich am Werk von Edvard Munch und wollte nicht nur die Sonnenseite des Lebens darstellen, sondern sich auch Hass, Tod und ähnlichen Themen widmen.

Vier Jahre später entstand die „Neue Künstlervereinigung München“ mit dem Ziel, Ausstellungen zu organisieren. Doch schon bald kam es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen ihren beiden russischen Gründern Wassily Kandinsky und Alexej Jawlensky, woraufhin Kandinsky zusammen mit Franz Marc eine weitere Künstlergruppe, den „Blauen Reiter“ gründete. Im Gegensatz zur „Brücke“, welche noch stark der gegenständlichen Abbildung verbunden war, wollte der „Blaue Reiter“ eine stärkere Abkehr von der unzulänglichen Wirklichkeit zwecks einer Erweiterung des Ausdrucksvermögens zur Darstellung der inneren Wirklichkeit erreichen.