Berühmte Expressionistische Gebäude

Die Böttcherstraße in Bremen – Touristenattraktion und expressionistisches Baudenkmal
Die Böttcherstraße befindet sich mitten in der Bremer Altstadt. Wegen seiner einzigartigen Architektur steht das Kulturdenkmal seit 1973 unter Denkmalschutz. Es ist bei Touristen heute sehr beliebt und gehört zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Bereits im Mittelalter gab es an der Stelle der heutigen Böttcherstraße eine Straße, die von der Weser zum Marktplatz führte. Hier lebten vor allem Handwerker, darunter Böttcher und Fassmacher. In ihrer heutigen Form existiert die Böttcherstraße aber noch nicht so lange. Zwischen 1922 und 1931 entstanden die Häuser in der Böttcherstraße und sind damit ein einmaliges Beispiel für die Architektur des Expressionismus, insbesondere des Backsteinexpressionismus.

Der Kaffeekaufmann und Kunstliebhaber Ludwig Roselius erwarb im Jahr 1902 das Haus Nr. 6, das heutige Roselius-Haus. Dessen Grundmauern stammen noch aus dem späten Mittelalter. Hier entstand zunächst der Verwaltungssitz seines Kaffeeunternehmens, aus dem später die Kaffee-HAG hervorging. Nachdem Roselius weitere Grundstücke in der Böttcherstraße gekauft hatte, beauftragte er den Bildhauer Bernhard Hoetger und die Architekten Alfred Runge und Eduard Scotland mit dem Bau weiterer Häuser. Diese Gebäude wurden überwiegend aus Backstein bzw. Sandstein errichtet. Zu diesen Bauwerken gehört beispielsweise das Haus des Glockenspiels, das ein Glockenspiel aus 30 Porzellanglocken beherbergt. Das Paula-Becker-Modersohn-Haus entstand als Ausstellungshaus mit Verkaufsraum zwischen 1926 und 1927. Das Haus Atlantis wurde 1930/31 errichtet. Es stellt eine Verbindung zur Atlantis-Utopie her und wurde aus damals ungewöhnlichen Materialien wie Holz, Glas und Beton erbaut. Heute beherbergt es ein Hotel. Als letztes Gebäude wurde im Jahr 1931 das Robinson-Crusoe-Haus fertig gestellt. Daniel Dafoes Romanfigur Robinson Crusoe verkörperte Roselius zufolge den für ihn so wichtigen Pioniergeist.

Die Gebäude der Böttcherstraße wurden wegen ihrer ungewöhnlichen Architektur auch überregional bekannt. Roselius wollte mit dem Bau innerhalb der deutschen Kultur neue Wege gehen und die Tradition mit der Moderne verbinden. Ziel war es, eine Art kleine Stadt innerhalb der Stadt entstehen zu lassen. Auch die Werbung für sein Kaffeeimperium spielte bei der Gestaltung der Straße eine Rolle. Von Anfang an sollte die Böttcherstraße auch eine Attraktion für Touristen und Schaulustige werden.
Im Zweiten Weltkrieg wurde ein großer Teil der Böttcherstraße zerstört. Vor allem die Innenraumgestaltung von Hoetger, Runge und Scotland gingen dabei verloren. Den Wiederaufbau der Böttcherstraße übernahm die Kaffee HAG, so dass die Straße als expressionistisches Gesamtkunstwerk bis heute erhalten werden konnte.

Der Einsteinturm in Potsdam – ein Meisterwerk des architektonischen Expressionismus
Der Einsteinturm steht weithin sichtbar auf dem Telegrafenberg im Potsdamer „Wissenschaftspark Albert Einstein“. Erbaut wurde dieses Sonnenobservatorium in den Jahren 1919 bis 1921. Das Bauwerk verdankt seinen Namen dem Physiker Albert Einstein, der ebenso wie der Astrophysiker Erwin Finlay Freundlich mit dem Architekten Erich Mendelsohn zusammenarbeitete. An den Nobelpreisträger und Endecker der Relativitätstheorie Albert Einstein erinnert heute noch die Büste im Eingangsbereich, die Kurt Harald Isenstein 1928 schuf. Diese Bronzebüste wurde von den Mitarbeitern des Einsteinturms sogar vor den Nationalsozialisten gerettet, die das Institut umbenannt hatten und alle Erinnerungen an Einstein vernichten wollten. Ein zweites Kunstobjekt ist das 3sec-Bronzehirn, das in das Pflaster des Vorplatzes eingelassen wurde und einen wahrnehmungstheoretischen Hintergrund besitzt.

Der Einsteinturm wurde ursprünglich erbaut, um die Theorien der Allgemeinen Relativitätstheorie empirisch überprüfen zu können. Das wissenschaftliche Vorhaben war derart prestigeträchtig, dass der Staat Preußen und mehrere Industrieunternehmen die Finanzierung des Baus übernahmen. Im Jahre 1924 waren schließlich alle wissenschaftlichen Messgeräte, darunter ein Turmteleskop mit einer Öffnung mit einem Durchmesser von 63 Zentimetern und ein langbrennweitiger Spektograf, im Einsteinturm installiert und das Observatorium konnte in Betrieb genommen werden. Letztlich gelang es den Physikern jedoch nicht, am Einsteinturm die Relativitätstheorie und die Rotverschiebung der Spektrallinien im Schwerefeld der Sonne nachzuweisen. Dennoch war diese leistungsstarke Forschungsstätte, die bis zum Zweiten Weltkrieg das größte Sonnenteleskop in ganz Europa war, bei vielen Experimenten aus dem Bereich der Sonnenphysik hilfreich und führt zu wertvollen Ergebnissen. Bis heute gehört der Einsteinturm dem Leibniz-Institut für Astrophysik und dient noch immer der Sonnenforschung.

Der Einsteinturm hat nicht nur Wissenschafts- sondern auch Architekturgeschichte geschrieben. Von Architekturhistorikern wird das ockerfarbene Bauwerk in der Regel dem Expressionismus zugeschrieben, wenngleich er auch noch Merkmale des Jugendstils besitzt. Die neue Ausdrucksform des Expressionismus kreuzt moderne Technik mit neuartigen ästhetischen Überlegungen, die gekrümmte und ausschwingende Formen befürwortete. Ein Stahlbetonkonstrukt wurde mit der eher traditionellen Ziegelsteintechnik kombiniert, was insbesondere deswegen notwendig war, weil die Betonbautechnik schlicht noch nicht ausgereift genug war. Typisch für die Bauten Erich Mendelsohns, der einen neuen Stil anstrebte, ist der organische Schwung, der den Einsteinturm durchzieht. Die Formgebung ist einzigartig und ganz auf die Funktion des Einsteinturms als Forschungsstätte zugeschnitten.

Für alle Physik- und Architekturinteressierten ein Tipp: Wenngleich man in der Regel den Einsteinturm nur von außen betrachten kann, ist es von Oktober bis März möglich nach vorheriger Anmeldung an einer Führung durch die Innenräume teilzunehmen und dabei auch einige der einzigartigen physikalischen Instrumente zu Gesicht zu bekommen.

Das Anzeiger-Hochhaus als Bauwerk des Backsteinexpressionismus
Das Anzeiger-Hochhaus in Hannover ist eines der ersten Hochhäuser, das in Deutschland gebaut wurde. Es befindet sich in der Nähe des Steintor-Platzes am Rande der Innenstadt. Das zehngeschossige Hochhaus ist 51 Meter hoch und wurde in den Jahren 1927-28 erbaut. Durch seine charakteristische und individuelle Architektur gehört das Anzeiger-Hochhaus zu den bekanntesten und beliebtesten Wahrzeichen Hannovers.

Der deutsche Baumeister und Architekt Fritz Höger hat das Anzeiger-Hochhaus entworfen. Unter der Federführung Högners entstanden viele Gebäude im Stil des norddeutschen Backsteinexpressionismus, der sich in den 1920er-Jahren nach und nach etablierte. Die Bauten des Backsteinexpressionismus sind vor allem an ihrer Klinkertextur zu erkennen. Charakteristisch ist außerdem der beim Bau verwendete Ziegelstein. Bei der expressionistischen Bauweise werden außerdem häufig ornamentale und Formen und kantigen, spitze Elemente verwendet. Auf diese Weise sollten die großen Gebäudeflächen lebendiger und dekorativ wirken. Auch beim Anzeiger-Hochhaus in Hannover wurde dieser expressive Stil verwendet. Fritz Höger näherte sich hier optisch ein wenig der orientalischen Architektur an, die als Vorbild diente. Die Fassade des Hochhauses wird nachts durch senkrecht angebrachte Leuchtröhren beleuchtet, um die Wirkung der Fassade noch zu verstärken. Besonders markant ist die 12 Meter hohe grüne Dachkuppel aus Kupfer, die es in dieser Form bei keinem anderen Hochhaus gibt. Sie beherbergte früher ein Planetarium, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dann ein Kino dort eingerichtet.

Der norddeutsche Backsteinexpressionismus hatte mit dem Anzeiger-Hochhaus ein bekanntes Bauwerk dazugewonnen. In anderen Städten, wie Hamburg oder Bremen, entstanden nach und nach weitere Gebäude dieser Art. Auch in Hannover wurde der Stil fortgesetzt, so beispielsweise beim 1926 erbauten Franzius-Institut oder beim Neubau der Stadtbibliothek aus dem Jahr 1931.
In Auftrag gegeben hatte den Bau die Madsack Verlagsgesellschaft, die fortan ihren Verlagssitz dort hatte. Die Bombenangriffe während des Zweiten Weltkriegs überstand das Anzeiger-Hochhaus bis auf einen Brand im Planetarium unbeschadet. Nach dem Krieg wurde das Haus bis zum Jahr 1949 zum Sitz der Zeitschrift „Der Spiegel“, bis dessen Redaktion nach Hamburg wechselte. 1948 wurde im Anzeiger-Hochhaus der „Stern“ von Henri Nannen gegründet. Auch heute ist das Gebäude noch ein Zentrum der Medienlandschaft. Unter anderem sind hier die „Neue Presse“, die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ sowie verschiedene Lokalredaktionen angesiedelt.

50 Jahre Berliner Philharmonie
Die Berliner Philharmonie gilt als eines der Wahrzeichen der Stadt Berlin. Die ursprüngliche Wirkstätte der Berliner Philharmoniker wurde durch einen Luftangriff im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die heutige Philharmonie wurde in den 60er Jahren durch den bekannten expressionistischen Architekten Hans Scharoun erbaut und kann am 15. Oktober 2013 auf ihr 50-jähriges Bestehen zurückblicken.

Als Bestandteil des sogenannten Kulturforum Berlin ist die Heimat des berühmten Sinfonieorchesters eingebettet in ein architektonisch einzigartiges Bauensemble unweit des Potsdamer Platzes.
Die Bauweise gilt als weltweit einzigartig und im Kontext ihrer verschachtelten Anordnung ungewöhnlich. Anders, als bei den üblichen Bühnen hinter denen das Publikum stufenweise aufgereiht sitzt, erinnert die Berliner Philharmonie an ein Konglomerat dreier verschachtelter Pentagone, in deren Mitte die Bühne platziert ist. Ausgehend vom Grundgedanken des Expressionismus, die Wahrnehmung und das Erleben der Kunst an sich bzw. des Künstlers selbst für den Menschen zugänglich zu machen, greift Scharoun die Idee eines Mensch-Raum-Klang Kontinuums auf. Auf diese Weise entstand ein zeltartiges Bauwerk, das den Zuschauer in seine Mitte nimmt und ihm nicht nur ein außergewöhnliches Klangerlebnis, sondern darüber hinaus eine beeindruckende visuelle Erfahrung bietet.

Die Berliner Philharmonie verfügt über zwei Konzertsäle, den großen Konzertsaal mit 2440 Plätzen und den etwas kleineren Kammermusiksaal mit 1180 Plätzen. Die Bauweise galt zunächst als umstritten. Viele Dirigenten scheuten die Vorstellung, nicht mit dem Rücken zum Publikum, sondern ihm vis-à-vis gegenüber zu stehen. Herbert von Karajan hingegen, der erste Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, war von der expressionistischen Bauweise in höchstem Maße angetan. Er prophezeite, dass sie Vorreiter für die Architektur zukünftiger Konzerthallen sein würde, was sich unterdessen bewahrheitet hat. Bis heute wird die Berliner Philharmonie aufgrund der Bauweise in Kombination mit ihrem ersten Dirigenten von den Berliner liebevoll „Zirkus Karajani“ genannt.

Die Berliner Philharmonie bietet heute neben einem herausragenden Konzertplan mit namhaften Dirigenten auch Führungen für Architekturinteressierte an. Hierbei wird sowohl ein Einblick in die Geschichte der Berliner Philharmonie, ihrer besonderen Architektur und Akustik, als auch in die Geschichte des Sinfonieorchesters selbst vermittelt.

Darüber hinaus gilt das sogenannte Education-Programm als einzigartige Möglichkeit, junge musizierende Menschen zu fördern und interkulturelle musikalische Interaktionen zu ermöglichen. Ziel hierbei sind kreative Begegnungen mit Musik, die unabhängig von Alter, Herkunft und musikalischem Background Musik wahrnehmbar macht.

Das Chilehaus Hamburg – auf dem Weg zum Kulturerbe?
Das Chilehaus im Hamburger Kontorhausviertel unweit des Hafens gehört zu den bekanntesten und markantestes Gebäuden in der Freien und Hansestadt. In kurzer Bauzeit wurde es zwischen 1922 und 1924 gegenüber der Speicherstadt errichtet, die Ende des 19. Jahrhunderts entstanden war. Das gesamte Ensemble „Speicherstadt und Kontorhausviertel mit Chilehaus“ soll 2015 – wenn es nach der Hamburger Kulturbehörde geht – in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen werden.

Das Chilehaus in Zahlen
Obwohl es fast 90 Jahre alt ist, gilt das Chilehaus bis heute als repräsentativer Arbeitsplatz und Firmenstandort. Die Gesamtfläche von über 30.000 Quadratmetern wird überwiegend als Büroraum genutzt, rund 5.000 Quadratmeter entfallen auf Einzelhandelsgeschäfte und Lagerräume. 2.800 gleiche Fenster lassen Luft und Licht ins Chilehaus. Das zehn Stockwerke hohe Gebäude aus Bockhorner Klinker steht auf einer Grundfläche von knapp 6.000 Quadratmetern und Stahlbetonträgern von insgesamt 18 Kilometern Länge.

Das Chilehaus als Baudenkmal
Weltweit gilt das Chilehaus als herausragendes Beispiel für den in den 1920er-Jahren populären Backsteinexpressionismus, der sowohl von der Kunstrichtung des Expressionismus als auch von der mittelalterlichen norddeutschen Backsteingotik beeinflusst war. Die Tonhalle in Düsseldorf, das Marine-Ehrenmal in Laboe und viele weitere Bauwerke werden dem Backsteinexpressionismus zugerechnet. Die charakteristische, nach Osten Richtung Hafen gerichtete Spitze des Chilehauses erinnert an einen Schiffsbug.
Der Elmshorner Fritz Höger (1877-1949), Architekt des Chilehauses, ließ sich bei seinem Entwurf außerdem von Stilelementen des Art Déco inspirieren. Bauherr war der steinreiche Hamburger Unternehmer Henry B. Sloman, der das Grundstück ersteigerte. Slomans Reichtum gründete auf dem Import von Salpeter aus Chile – daher ließ er seinen Riesenbau Chilehaus taufen.
Das Bauprojekt wurde mehr oder weniger wohlwollend vom Hamburger Senat begleitet, die Planung lag in Händen des bekannten Oberbaudirektors Fritz Schumacher. Dieser machte sich bei zahlreichen Bauvorhaben in der Stadt für den Backsteinbau stark. Schumacher berief auch den aus Meißen stammenden Bildhauer Richard Kuöhl nach Hamburg. Der Künstler hatte sich einen Namen als „Architekturplastiker“ gemacht und schuf dekorative Keramiken für die Fassaden und Treppenhäuser des Chilehauses und anderer Bauwerke.

Der Expressionismus in Kunst und Architektur
Während der Expressionismus in der Malerei seine Blütezeit vor dem Ersten Weltkrieg hatte und durch Künstler wie Feininger, Kandinsky, Klee, Nolde und viele andere repräsentiert wurde, entwickelte sich der expressionistische Stil in der Architektur erst nach 1914. Im Gegensatz zu den glatten Flächen der Neuen Sachlichkeit wie im zeitgleichen Bauhaus-Stil setzten die Architekten auf runde und gezackte Formen. Der Backsteinexpressionismus gilt als norddeutsche Sonderform der expressionistischen Architekturphase, die Ende der 1920er-Jahre ausklang.