Architektonische Künstlergemeinschaften

Kurze Zeit des Aufbruchs in Kunst und Architektur
Die Jahre zwischen den Weltkriegen waren von politischen Unruhen und wirtschaftlichen Sorgen geprägt und gelten als eine wichtige Epoche der Innovationen und Utopien unter den bildenden Künstler in Deutschland. Ehe die Nazidiktatur 1933 die Baukunst gleichschaltete und die Malerei des Expressionismus, Fauvismus und Kubismus auslöschte, fanden sich fortschrittliche Kulturschaffende in verschiedenen Vereinigungen zusammen, um ihre Ideen zu bündeln. Diese frühen Netzwerke waren demokratisch organisiert und wurden von Persönlichkeiten geprägt, deren Ruhm bis heute nicht verblasst ist. Zu Kunst- und Baustilen wie Expressionismus und Neue Sachlichkeit bekannten sich die meisten Mitglieder der Künstlergemeinschaften.

Der Ring – das Neue Bauen
1926 ging Der Ring aus dem zuvor bestehenden Zehner-Ring moderner Architekten in Berlin hervor. Er versammelte junge Baukünstler, um der Bewegung Neues Bauen, die bereits vor 1914 entstanden war, neue Impulse zu geben. Gestalterische und gesellschaftliche Fragen in Gegenwart und Zukunft standen im Vordergrund. Es gab auch Kontroversen hinsichtlich der Auffassungen über Großsiedlungen, die in jenen Jahren in vielen Städten entstanden.

Namhafte Mitglieder im Ring waren u. a. Walter Gropius, der in Weimar das Bauhaus gegründet hatte und Hans Scharoun. Aus dem Zehner-Ring wechselten außerdem Ludwig Mies van der Rohe und die Brüder Bruno und Max Taut in die künstlerische Architektengemeinschaft Der Ring.

Die gläserne Kette – Austausch per Rundbrief
Bruno Taut, Verfasser von „Die neue Wohnung. Die Frau als Schöpferin“ (1923), hatte bereits im Jahr 1919 die Künstlergemeinschaft Die Gläserne Kette ins Leben gerufen, zu der überwiegend Architekten gehörten, darunter auch Gropius und Scharoun. So wie heute die Mitglieder in Blogs gaben sich die ambitionierten jungen Gestalter Pseudonyme und tauschten sich per Rundbrief aus. Ein gutes Jahr lang lief dieser anregende Briefwechsel.

Deutscher Werkbund, Novembergruppe, Arbeitsrat für Kunst
Noch früher, nämlich im Jahr 1907, hatte sich der Deutsche Werkbund formiert, angeregt von dem Architekten und Jugendstil-Kritiker Hermann Muthesius. Zu dieser „Vereinigung von Künstlern, Architekten, Unternehmern und Sachverständigen“ gehörten auch der Jurist Konrad Adenauer und der Politikwissenschaftler Theodor Heuss an – der eine wurde Kanzler, der andere Präsident der Bundesrepublik nach 1945.

Radikal und als „bolschewistisch“ verschrien war das Selbstverständnis der 1918 gegründeten revolutionären Novembergruppe, die 170 Maler, Musiker, Architekten u. a. vereinte. Viele neue Mitglieder kamen auch aus dem Werkbund. Künstler der Novembergruppe wie die Komponisten Eisler und Weil, die Maler Kandinsky, Dix und Grosz sowie die Architekten Taut und van der Rohe wollten Volk und Kunst vereinen. Ähnlich lautete auch das Manifest des Arbeitsrates für Kunst, der eng mit der Novembergruppe zusammenarbeitete.